Am ersten Tag in der Kaiserstadt Huế war eigentlich mein Plan, die Zitadelle und die verbotene Stadt zu besuchen. Ich habe mir von meinem „Homestay“ ein weiteres Fahrrad ausgeliehen, mit dem ich die Stadt erkunden wollte. Allerdings stellte ich schnell fest, dass ein paar Kilometer mit einem störrischen alten Fahrrad – das anscheinend für vietnamesische Kinder gebaut wurde – bei 35 Grad ein wenig mühsam werden können. Kurz vor der Zitadelle wurde ich von einem vietnamesischen Paar von einem Moped aus angesprochen, die mein Elend anscheinend erkannt hatten.. „Hello! Where are you coming from? Germany? Ah! My Unkle lives in Berlin! Wie geht’s? Where are you going?“ Es stellte sich heraus, dass die Zitadelle gerade drei Stunden Mittagspause machte. Keine schlechte Idee eigentlich… „I finished work, come with me, let´s have lunch and drink some beer!“ Auch keine schlechte Idee. So fuhr ich mit meiner Krücke hinterher, ewig, Quer durch die Stadt. Bis er endlich anhielt. „No Tourists here. Only Locals!“ Ja, das stimmte wohl. Und so kam ich zu einem grandiosen Seafood Hotpot, Grillspießen und Bò Nướng Lá Lốt. Und natürlich Bier.


Was danach folgte…
Natürlich kamen wir irgendwann auf das Gespräch, ob ich denn schon einen Anzug hätte, sie hätten da einen befreundeten Schneider. Der Onkel würde jedes mal, wenn er in Vietnam ist, zwei Anzüge schneidern und nach Berlin schicken lassen. „Very good Quality, very cheap!“
Ich, der ja grundsätzlich misstrauisch ist, sah sich schon in der Verkaufsfalle. Aber die zwei Bier lockerten ein wenig meine Entscheidungsfreudigkeit, denn eigentlich hatte ich es so oder so vor, mir etwas schneidern zu lassen. Zum Bier möchte ich übrigens noch anmerken: Egal, welche Sorte man hier so versucht: Es ist immer ziemlich leicht, wässrig, quasi schaumfrei und geht gut runter. Wenn man nicht genießen, sondern trinken will, weil man Durst hat, dann passt das schon irgendwie. Eigentlich schmeckt es wie Kölsch, also ehrlich gesagt nach schalem Nichts…
Was wollte ich erzählen? Ach genau. Also nach dem Essen – völlig bewegungsunfähig – schnell wieder auf´s Fahrrad und dem Moped hinterher. Gefühlte 20 Kilometer.. Das Schneidergeschäft war dann zum Glück ein toller Laden. Wunderbare Stoffe, nette Vermessungsdamen, gute Preise und unbegrenzte Möglichkeiten. Nachdem ich dann wusste, wieviele Zentimeter mein Unterschenkelumfang beträgt und ich mich durch Berge an Stoffmustern gekämpft hatte, musste ich nur noch irgendwie erklären, wie denn das Ganze aussehen sollte. Kurzum: Ich habe es geschafft. Und mit Hilfe meiner neuen Freunde wurde mein Auftrag vorgezogen und sollte innerhalb von 24 Stunden fertig sein. Möglicherweise gab es da noch einen Expresszuschlag (mal abgesehen von der sehr wahrscheinlichen Provision für die beiden Vermittler des Auftrags). Kompletter Maßanzug aus Cashmere/Wolle plus Hemd in 24 Stunden. Passt.
Der Ausflug
Nach der Schneideraktion wollte die Frau von Minh (ihren Namen konnte ich mir einfach nicht merken…) nach Hause, Minh war aber irgendwie unternehmenslustig. Er bot mir an, mit dem Moped auf´s Land zu fahren und mir seine Heimat zu zeigen. Lauerte da etwa ein weiteres Geschäft? Nein, das war ehrlich und ernst gemeint, anscheinend ist seine Frau für die Geschäfte zuständig – und das war ja schon abgeschlossen..
Also wieder auf mein treues Fahrrad und dem Moped hinterher. Erneut gefühlte 20 Kilometer. Dann: Fahrrad geparkt, Frau abgesetzt, auf´s Moped umgesattelt… und los.
Um es kurz zu machen: Es war ein wundervoller Ausflug, der ganze 6 Stunden gedauert hat. Ich habe erfahren, das Minh auf einem Boot aufgewachsen ist, bettelarm, es geschafft hat, Architektur zu studieren, er das Land und das Wasser liebt, seine Schwiegermutter ein Drachen ist und er es genießt, mit mir durch die Reisfelder zu fahren.. Am längsten haben wir bei den Fischern angehalten, da wurde er ganz ruhig und fast schon sentimental.










Abschließendes Essen mit Morning Glory und gegrilltem Aal, mein bisher kulinarisches Highlight!


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